Menschenkenner Teil 2: Milton Erickson

Milton H. Erickson war der Mensch, der die Hypnose wieder salonfähiger in der Psychotherapie machte und Persönlichkeiten wie Paul Watzlawick, Steve de Shazer oder Jeffrey Zeig mitprägte.


Von außen betrachtet war sein Leben nicht sehr einfach. Er war Legastheniker und galt als entwicklungsverzögert. Sein Wörterbuch fing er auf der Suche nach einem Begriff immer von vorne an zu lesen. In der Highschool erkrankte er an Kinderlähmung, fiel ins Koma und kam nach drei Tagen wieder zu Bewusstsein. Er war komplett gelähmt und verbrachte den Tag in einem Schaukelstuhl. Durch den Wunsch aus dem Fenster zu schauen, fing dieser an sich zu bewegen, niemand kann sagen, ob es wirklich so war oder MHE sich das nur einbildete. Es spielt auch keine Rolle, weil Erickson sich nun daran machte durch Imagination an seinen Muskeln zu arbeiten. Er schaffte es, seine Lähmung so weit zu überwinden, dass er bis zur erneuten Erkrankung mit der Kinderlähmung in späteren Jahren, nur noch mit dem rechten Bein leicht hinkte.


In der Phase der Lähmung machte er sich selbst zum echten Menschenkenner. Das geschah nicht freiwillig und war am Anfang aus der Not der Langeweile entstanden. Da MHK sich nicht bewegen konnte und es keine andere Ablenkung gab, fing er an seine Familie zu beobachten. Er beobachtete seine Eltern und seine Geschwister. Dabei fing er an die speziellen Gesichtsausdrücke und Bewegungen wahrzunehmen und sie mit der Zeit konnte er ihre Gefühle genau zuordnen. Er bemerkte an der Körpersprache seiner Familie, wann sie ehrlich waren, wann ihre Gefühle nicht mit ihren Aussagen übereinstimmten. Er konnte an der Stimmlage seiner Schwestern weitere Rückschlüsse auf ihre Stimmungen, Ziele und Verhaltensstrategien ziehen. Dieses Wissen nutzte er später zum Wohle seiner Patienten und half damit vielen Menschen schnell gesund zu werden.


Was machte ihn nun zu einem Menschenkenner? Müssen wir auch selbst eine Lähmung bekommen, um andere Menschen wirklich wahrzunehmen?


In gewisser Weise schon, wir müssen unseren Drang zügeln ständig etwas aus unserer Welt zu erzählen. Wir sind im Kontakt mit anderen Menschen sehr häufig bemüht, unsere Sicht der Dinge loszuwerden. Andere von unserer Meinung und unseren Ideen zu überzeugen. Wir reagieren gerne beleidigt oder fühlen uns angegriffen, wenn der andere unsere Sichtweise nicht teilen möchte und bei seiner Meinung bleibt. Unser Gehirn fühlt sich erst dann richtig wohl, wenn wir mehr Redeanteile haben und auch Menschen, die lieber weniger Reden haben ihre Techniken entwickelt, um zu ihrem vermeintlichen „Recht“ zu kommen.


Oft verpassen wir dadurch die wichtigsten Aussagen unserer Mitmenschen. Wir verstehen sie schlechter und im extrem ziehen wir uns in unsere Welt zurück. Im Zeitalter der Selbstdarstellung per Instagram, Facebook und YouTube gibt es immer weniger Menschen, die es schaffen, sich wie MHE auf andere einzulassen. Menschen, die die Öffentlichkeit für ihr Leben gesucht haben, beklagen sich auf einmal, dass die Öffentlichkeit an ihrem Leben teil haben will. In Gesprächen gibt es immer öfter den Vorwurf, dass der andere Teilnehmer sich beleidigt fühlt oder gar diskriminiert. Empathie wird oft nur von den anderen erwartet, selber hat man das Recht seine Sichtweise auf jedwede Art zu verteidigen.


Ein Verstehen von Mitmenschen wird so sehr schwierig. Machen wir es wie Erickson und beobachten in Gesprächen unsere Mitmenschen und lernen ihre eigene Körpersprache und Wortwahl kennen, dann kommen wir ihnen näher und ein echtes Miteinander ist möglich. Wir kommen aus der beliebten Vorwurfschiene heraus und können wirklich etwas bewegen. Mit der Zeit hat unser Gehirn dann genügend Signale und Merkmale abgespeichert, um nicht nur Menschen aus dem direkten Umfeld lesen zu können, sondern auch Fremde. Dafür gibt es Menschen wie mich, die es euch gerne beibringen.


Die wahre Kunst einen Menschen kennenzulernen, ist es sich mit ihm zu beschäftigen und ihn erzählen zu lassen, ob wir ihn und seine Meinungen später akzeptieren oder nicht, ob seine Meinungen unseren gleichen oder nicht, darf keine Rolle spielen. Ob wir den Menschen mögen oder ablehnen, dass sollte erst am Ende eines Gespräches stehen. Das ist für mich Empathie.