Ist es ein Mythos, dass ich nicht authentisch bin, wenn ich meine Körpersprache gezielt einsetze?
- sascha-morgenstern
- 26. Nov. 2025
- 2 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 31. Juli
Die Annahme, dass bewusst eingesetzte Körpersprache automatisch „unauthentisch" wirkt, ist weit verbreitet – hält der wissenschaftlichen Prüfung aber nicht stand. Authentizität bedeutet nicht, dass jede Bewegung spontan und ungefiltert sein muss. Nach dem einflussreichen Authentizitätsmodell von Kernis und Goldman (2006) entsteht Authentizität aus dem Zusammenspiel mehrerer Komponenten – darunter die Übereinstimmung zwischen dem eigenen Verhalten und den eigenen Werten und Überzeugungen. Wer seine Körpersprache bewusst einsetzt, um genau diese inneren Überzeugungen sichtbar zu machen, handelt nach diesem Verständnis nicht weniger authentisch als jemand, der unreflektiert agiert.
Was sagen wissenschaftliche Studien?
Bewusste Steuerung ist ein normales psychologisches Merkmal, kein Widerspruch zur Echtheit. Bereits Snyder (1974) beschrieb mit dem Konzept des Self-Monitoring, dass Menschen sich darin unterscheiden, wie stark sie ihr Ausdrucksverhalten an soziale Situationen anpassen. Menschen mit hoher Selbstbeobachtung sind besonders geschickt darin, ihre nonverbalen Signale gezielt und situationsgerecht einzusetzen – das gilt in der Forschung als soziale Kompetenz, nicht als Unaufrichtigkeit.
Gezielte Körpersprache wird zudem präzise wahrgenommen. Eine umfassende Übersichtsarbeit von Breil et al. (2021) zeigt, dass nonverbale Signale wie Mimik, Gestik, Stimme und äußeres Erscheinungsbild zuverlässige Hinweise auf die reale Persönlichkeit eines Menschen liefern. Bewusst eingesetzte, stimmige Körpersprache verzerrt dieses Bild nicht, sondern kann es sogar schärfen.
Entscheidend ist nicht Bewusstheit, sondern Übereinstimmung. Eine neurowissenschaftliche Studie von Matsuo (2016) zeigt anhand ereigniskorrelierter Potenziale, dass das Gehirn besonders stark reagiert, wenn verbale und nonverbale Signale sich widersprechen – erkennbar an einer verstärkten Hirnreaktion, die mit geringerem Vertrauen einhergeht. Das eigentliche Problem für die Wahrnehmung von Authentizität ist also nicht die bewusste Steuerung von Körpersprache, sondern die Inkongruenz zwischen dem, was gesagt und was nonverbal gezeigt wird.
Fazit
Es ist ein Mythos, dass gezielt eingesetzte Körpersprache automatisch „unauthentisch" ist. Self-Monitoring-Forschung, Studien zur Genauigkeit nonverbaler Signale und neurowissenschaftliche Befunde zu Inkongruenz zeigen übereinstimmend: Authentizität entsteht durch Stimmigkeit zwischen innerer Haltung, Sprache und Körpersprache – nicht durch Zufälligkeit. Bewusste Körpersprache kann Ihre Botschaft verstärken und Vertrauen schaffen, vorausgesetzt sie steht im Einklang mit Ihren Worten und Ihrer inneren Haltung.

Literaturverzeichnis
Breil, S., Osterholz, S., Nestler, S., & Back, M. D. (2021). Contributions of nonverbal cues to the accurate judgment of personality traits. In T. D. Letzring & J. S. Spain (Eds.), The Oxford handbook of accurate personality judgment (pp. 195–218). Oxford University Press. https://doi.org/10.1093/oxfordhb/9780190912529.013.13
Kernis, M. H., & Goldman, B. M. (2006). A multicomponent conceptualization of authenticity: Theory and research. Advances in Experimental Social Psychology, 38, 283–357. https://doi.org/10.1016/S0065-2601(06)38006-9
Matsuo, A. (2016). Incongruence between verbal and non-verbal information enhances the late positive potential. PLoS ONE, 11(10), e0164633. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0164633
Snyder, M. (1974). Self-monitoring of expressive behavior. Journal of Personality and Social Psychology, 30(4), 526–537. https://doi.org/10.1037/h0037039




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